Kohärente Risikomessung versus individuelle
Akzeptanzmengen – Anmerkungen zum impliziten Risikoverständnis des „Conditional Value-at-Risk"
Wolfgang Kürsten/Mario Brandtner
Das Konzept kohärenter Risikomessung basiert auf individuellen Akzeptanzmengen, die das individuelle Risikoverständnis des Entscheidungsträgers abbilden. In letzter Zeit hat das spezielle kohärente Risikomaß des Conditional Value-at-Risk zunehmende Beachtung gefunden, insbesondere als Surrogat für den „Industriestandard“ des Value-at-Risk in der Banken- und Versicherungsaufsicht. Dabei wird regelmäßig nicht geprüft, inwieweit sich das individuelle Risikoverständnis der Entscheidungsträger über den Conditional Value-at-Risk abbilden lässt. Der Beitrag charakterisiert die Gestalt der vom Conditional Value-at-Risk induzierten Akzeptanzmengen und zeigt, dass der Conditional Value-at-Risk wichtige Formen individuellen Risikoverständnisses nicht abbilden kann.
S.358-381
Abschlussprüfung und Beratung – Eine experimentelle Analyse der Auswirkungen auf Unabhängigkeitswahrnehmungen deutscher Aufsichtsräte
Roger Meuwissen/Reiner Quick
Die Verknüpfung von Prüfungs- und Beratungstätigkeiten gefährdet die Unabhängigkeit des Abschlussprüfers. Dadurch erhöhen sich mandantenspezifische Quasirenten und die Gefahr für Unabhängigkeitsbeeinträchtigungen steigt. Aus der bisherigen, anglo-amerikanisch dominierten Forschung lässt sich erkennen, dass gleichzeitige Beratung weniger die tatsächliche sondern eher die wahrgenommene Unabhängigkeit gefährdet. Die wenigen deutschen Studien erkennen dagegen mehrheitlich keinen negativen Einfluss auf Unabhängigkeitswahrnehmungen. Über eine experimentelle Studie wurde der Einfluss auf die Unabhängigkeitswahrnehmungen der Aufsichtsräte der DAX 30-, MDAX-, SDAX- und TechDAX-Unternehmen untersucht. Betrachtet wurden die Steuerberatung, die Personalberatung und die Beratung in Bezug auf Finanzinformationssysteme. Alle drei Leistungen entfalten eine negative Wirkung. Einzig die Personalberatung ist einem Abschlussprüfer einer kapitalmarktorientierten Gesellschaft in Deutschland nicht explizit untersagt. Ihr negativer Einfluss war aber am stärksten. Über univariate und multivariate Analysen ließ sich des Weiteren zeigen, dass das Ausmaß der Beeinträchtigung der wahrgenommenen Unabhängigkeit von der Art der Beratungsleistung abhängt. Ein generelles Beratungsverbot erscheint daher nicht als erforderlich. Zudem wurde deutlich, dass Unabhängigkeitswahrnehmungen umso stärker beeinflusst werden, je geringer die Erfahrungen der Aufsichtsräte und deren Vertrauen in Abschlussprüfer sind. Dagegen konnten keine Unterschiede zwischen den Wahrnehmungen von Aktionärs- und Arbeitnehmervertretern identifiziert werden.
S.382-415
Herausforderung Wissenstransfer in Clustern –
Neues Wissen vom Biotechnologiestandort Martinsried
Hans-Martin Zademach/Manuel Rimkus
Wissen stellt in forschungsintensiven Industrien eine Schlüsselressource dar. Vor dem Hintergrund der noch weitgehend ungeklärten Frage nach den Konkurrenzbeziehungen und Kausalitäten in Wissenstransferprozessen ergründet der vorliegende Beitrag die verschiedenen Koordinationsweisen von Wissenstransfer am Beispiel des Biotechnologiestandorts Martinsried. Die empirisch auf qualitative Experteninterviews und eine Online-Befragung gestützte Untersuchung gibt Aufschluss über die Potentiale und Probleme von Wissensvernetzung, Wissensteilung und Wissensabfluss als zentrale Mechanismen des interorganisationalen Wissenstransfers. Die Ergebnisse der Fallstudie liefern sowohl konzeptionelle Einsichten in die raumzeitlichen Dynamiken von Wissenstransfer als auch praxisorientierte Hinweise bezüglich der Herausforderungen der Wissensintermediation im Biotech-Cluster Martinsried.
S.416-438
Kontaktstudium
Wertschöpfungsorganisation und Differenzierungsdilemma in der Automobilindustrie
Helmut Dietl/Susanne Royer/Uwe Stratmann
Wie viele andere Branchen befindet sich auch die Automobilbranche in einem voranschreitenden Modularisierungsprozess. Das betrifft sowohl die Produktion als auch die Distribution. Standardisierung und Modularisierung der Wertschöpfungsaktivitäten und -prozesse führen jedoch zu einem betriebswirtschaftlichen Zielkonflikt: die Erzielung von Effizienzvorteilen einerseits und Differenzierungsmöglichkeiten andererseits. Im vorliegenden Beitrag wird am Beispiel der Automobilindustrie dargestellt, wie Unternehmen dem Differenzierungsdilemma entgehen können. Dazu werden markenspezifische Wertschöpfungsorganisationen im Rahmen von Integrationsmessungen systematisiert und verglichen. Anhand der Merkmale unterschiedlicher Organisationsformate wird der Zusammenhang zwischen Wertschöpfungsorganisation und
Differenzierungspotential diskutiert. Es zeigt sich, dass diejenigen Hersteller, die sowohl in der Produktion als auch in der Distribution eine hohe Wertschöpfungskontrolle und eine hohe Bindungsintensität der strategisch bedeutenden Lieferanten beziehungsweise Händler aufweisen, Wettbewerbsvorteile gegenüber ihren Konkurrenten erzielen und ein strategisch relevantes Differenzierungspotential erreichen.
S.439-462